eine Buchvorstellung von Markus
Bötefür

„Kein Mensch wird dadurch satt, dass Lebensmittel in
gewaltigen Mengen vergeudet und vernichtet werden, um die Preise hochzuhalten.“
Was hat diese zweifellos richtige Feststellung in einem Buch über Raubkatzen zu
suchen? Sehr viel, denn Wolfgang Schwerdt beschreibt in seinem überaus
interessanten Werk über das von Menschen gemachte Artensterben dessen
historischen Verlauf exemplarisch am Schicksal einiger Raubkatzenarten. Dass er
Löwen, Tiger, Panther und Co. keineswegs zufällig ausgewählt hat, ist für
diejenigen kein Wunder, die mit seinem Schrifttum vertraut sind. Schließlich
ist der gelernte Journalist Schwerdt nicht nur ein Freund der Samtpfoten,
sondern auch ein ausgewiesener Katzenkenner. Ein breites belletristisches
Lesepublikum kennt ihn seit vielen Jahren als Vater des Schiffskaters Rotbart,
eines auf den Planken frühneuzeitlicher Entdeckerschiffe segelnden und mit
guter Beobachtungsgabe ausgestatteten Katers. Rotbart tritt auch im Buch über
seine seiner wilden und meist viel größeren Verwandten in kurzes Passagen auf,
was dem Buch einen angenehmen Schmökercharakter verleiht.
Marmorkatze und Sunda-Nebelparder
In „Rotbarts wilde Verwandte“ stellen Schwerdt und Rotbart
die einzelnen Raubkatzen, darunter solch exotische Erscheinungen wie
Marmorkatze und Sunda-Nebelparder, nicht allein als faszinierende Geschöpfe in
ihren natürlichen Habitaten vor, sondern auch ihre „Funktion“ für den Menschen
in einem Zeitalter, das (leider!) mit Fug und Recht als Anthropozän bezeichnet
werden muss. Die Leser erfahren dabei Erstaunlichen: So wurden z. B. Leoparden
nicht nur in den Arenen der römischen Antike in Massen niedergemetzelt, später
als Schädlinge und Träger wunderschöner Felle gnadenlos bejagt, sondern sie
dienten den Menschen bereits im alten Indien als Jagdgefährten, indem sie bei
Parforcejagden die Funktion von Hunden einnahmen.
Schwerdt hat viel Arbeit und Mühe in sein Buch gesteckt,
viele tausend Seiten historischer Literatur gewälzt und daraus ein
farbenfrohes, schönes und zugleich sehr nachdenklich stimmendes Werk über die
Geschichte und Bedrohung von Großkatzen auf unserem Planeten geschafften. Dass
ihm dies gelungen ist, liegt weniger an Schiffskater Rotbart; es wurzelt
vielmehr in seiner langjährigen Erfahrung als Wissenschaftsjournalist und
Sachbuchautor, wo er vor allem als Schifffahrtshistoriker in Erscheinung
getreten ist. Akribische Forschungsberichte über Takelage und
Bruttoregistertonnen sucht man in seinen nautischen Abhandlungen aber ebenso
vergebens wie in seinen Schiffskatzenstorys. Ihm geht es stets um das
Mensch-Tier-Verhältnis in einer vom Menschen geprägten Welt. Dabei müssen es
nicht immer so reale Kreaturen wie Tiger oder Schiffskater sein. Dem
Vielschreiber Schwerdt genügen mitunter auch Drachen.
Artenschutz ohne Zeigefinger
Mit „Rotbarts wilde Verwandte“ ist Wolfgang Schwerdt ein
außergewöhnliches Buch gelungen. Man spürt seine Leidenschaft für den
Artenschutz. Trotzdem ist es kein dogmatisches Werk, denn sein Autor bleibt
stets sachlich und trotz seiner unüberlesbaren Abneigung gegen das Waidwerk –
und erst recht gegen die Katzenjagd! – immer fair. Eine Vielzahl historischer
Abbildungen, die von der ägyptischen Antike bis ins 20. Jahrhundert reichen
illustrieren dieses wunderschöne und äußert lehrreiche Buch, mit dem der Leser
sich reich beschenkt fühlt.
Wolfgang Schwerdt: Rotbarts wilde Verwandte.
Zur Kulturgeschichte des anthropogenen Artensterbens, Norderstedt 2019, 183
Seiten.