Sonntag, 7. Mai 2023

Nomaden der Ozeane

Das Geheimnis der Meeresschildkröten

Ob die Meeresschildkröten ein spezielles Geheimnis haben, sei einmal dahingestellt. Aber dass sich ausgerechnet die wechselwarmen Reptilien neben den warmblütigen Lungenatmern so an das nasse Element angepasst haben, dass sie ohne das Meer nicht selbständig existieren können, ist schon ein erstaunliches Phänomen der Evolution. Ebenso erstaunlich, wie die Fähigkeiten, mit denen die Natur diese Tiere für die spezifischen Herausforderungen ihres Lebensraumes ausgestattet hat.

Spitzenleistungen

In ihrem Buch „Nomaden der Ozeane“ erzählt die Meeresbiologin Frauke Bagusche zunächst von den spektakulären Leistungen, mit denen sich die gepanzerten Reptilien vor den an den gemeinsamen Lebensraum angepassten Säugetiere nicht zu verstecken brauchen. Allein durch ihre Größe imponieren die mächtigsten Exemplare der Cheloniidae- Familie. So können die Lederschildkröten eine Panzerlänge von mehr als 180 cm und ein Gewicht von bis zu 640 Kg erreichen sowie bis zu knapp 1300 Meter tief tauchen. Unechte Karettschildkröten werden über 70 Jahre alt und die größte bislang gefundene Meeresschildkröte gehört zur längst ausgestorbenen Gattung der Archelon aus der oberen Kreidezeit und verfügt über eine Panzerlänge von rund drei Metern und einer Spannweite der Vorderpaddel von vier Metern.

Meister der Anpassung

So eindrucksvoll sich die Dimensionen und körperlichen Leistungen der rund 250 Millionen Jahre alten Sauropsida-Ordnung auch ausnehmen, zu denen auch die weiten Strecken, die die Meeresreptilien auf ihren Wanderrungen zurücklegen, die wirklich spannenden Fakten liegen im Detail. Allein ihre Entwicklungsgeschichte ist spannender als so mancher Krimi, oder auch die Fragen, wie die Tiere mit dem Salz im Meereswasser bei der Nahrungsaufnahme klarkommen, wie sie sich orientieren, welche Strategien die Evolution für die Problematik der Taucherkrankheit entwickelt hat oder wie beispielsweise die Meeresschildkröten unser Klima regulieren. Viele dieser Fragen haben die Menschen in der Vergangenheit nicht interessiert. Für unsere Spezies waren die Verwertungsmöglichkeiten der Tiere wesentlich wichtiger. So diente das Fleisch als lebender Proviant bei den langen Seereisen der europäischen „Entdeckungsfahrten“, als Grundlage für schmackhafte Suppen und der Panzer als Lieferant des begehrten Schildpatts und anderes mehr.

Auf der Kippe

Und so ist es kein Wunder, dass sich erst in den letzten Jahrzehnten einige der Geheimnisse, die die gewaltigen Meeresvagabunden in sich tragen, engagierten Biologen und Meeresforschern offenbaren. Hoffentlich nicht zu spät, denn nicht nur der Umgang mit den Tieren in der Vergangenheit, sondern auch die Folgen der globalen Industrialisierung unserer Welt und eben auch der Meere bedrohen die Existenz auch dieser Lebewesen, die in ihrer 250 Millionen Jahre langen Entwicklungsgeschichte Umweltkatastrophen und diversen Klimawandeln getrotzt und nicht zuletzt das Aussterben der Dinosaurier überlebt haben. Ausfühlich beschreibt die Autorin die Bedrohung der Meeresschildkröte durch die Vermüllung der Meere, industriellen Fischfang, Tourismus oder illegale Jagd und führt die LeserInnen zu Forschungsprojekten, Artenschutzinitiativen und individuellen Schicksalen. Sie erklärt ebenfalls, wie groß noch die Lücken der Erkenntnis sind und worauf wir alle achten können, um die für unsere Umwelt so wichtigen Reptilien zu schützen.

Frauke Bagusche: Nomaden der Ozeane. Das Geheimnis der Meeresschildkröten. Ludwig 2023. Hardcover mit Schutzumschlag, 222 Seiten.

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