Donnerstag, 8. Juni 2023

Tooth and Claw

Top Predators oft he World

Wie bereits der Titel verrät, handelt es sich diesem Buch über die Beutegreifer, die an der Spitze der Nahrungskette stehen, um eine englischsprachige Publikation, von der ich mir wünsche, dass sie demnächst auch als deutschsprachige Lizenzausgabe erscheinen wird, um mehr Menschen auch hierzulande zu erreichen.

Beutegreifer: Mehr als nur Raubtiere

Das Spektrum der in diesem Buch behandelten Prädatoren ist breit. Es beginnt bei den Haien der faszinierenden Teilklasse der Knorpelfische als Vertreter der marinen Spitzenpädatoren. Die nichtaviatischen Reptilien, also die Landwirbeltiere unter den „Kriechtieren“ lernt der/die LeserIn in dem darauffolgenden Kapitel kennen, um anschließend mit den fliegenden Vertretern der Reptilien und Sauriernachfahren, den Vögeln, bekannt gemacht zu werden. Schließlich folgt die „vertraute“ Ordnung der Carnivora, von denen zunächst die Familie der Katzen und anschließend die Unterordnung der Hundeartigen behandelt werden. Letztere umfassen nicht nur Hunde, Wölfe oder Füchse, sondern auch Bären (die haben ein eigenes Kapitel bekommen), Marder oder Robben. Mit den marinen Spitzenprädatoren wie Walen und Delfinen kehrt der/die LeserIn in die Ozeane dieser Welt zurück und bevor die Autoren sich am Ende schließlich der „Sonderform“ Mensch widmen, finden sich im Kapitel 9 „Some other Predators“ all jene Arten wieder, die, wie beispielsweise Hyänen, Seeotter, Fossas oder Tasmanische Teufel bei der Reise durch die Welten der Beutegreifer in den vorherigen Kapiteln zu kurz gekommen sind.

Über die Dynamik ökologischer Systeme

Mehr noch als die Zahl der Klassen, Gattungen und Arten, die die AutorInnen behandeln, beeindruckt der Umfang und das Spektrum der Informationen, die dem/der LeserIn in gut lesbarem Stil und sinnvoller Struktur vermittelt werden. Denn bevor sie sich mit der ökologischen Funktion, der Biologie, der evolutionsgeschichtlichen Einordnung, der Taxonomie und der Bedrohungssituation der einzelnen Prädatorenvertreter befassen, wird in Kapitel 1 der vielschichtige und durchaus unterschiedlich definierte Begriff Prädator selbst diskutiert. Schon dabei wird klar, wie komplex die Rolle der Beutegreifer in der Natur und wie sensibel aber auch dynamisch das darauf basierende ökologische System ist und dass es nicht nur um die Position einer Art in der „Nahrungskette“, sondern auch um Interaktionen zwischen den Beutegreifern und ihrer Beute oder zwischen den verschiedenen Beutegreiferarten eines Ökosystems geht. Und mit den Aspekten der Energienutzung, des Energietransfers, des energetischen Wirkungsgrades in Abhängigkeit von der Position in der alles andere als linearen und statischen „Nahrungskette“ bringen die AutorInnen weitere spannende Denkanstöße über die natürliche Welt und ihre biologischen Wechselwirkungen bis hin zu Reproduktionsraten ins Spiel.

Der Mensch: Spitzenprädator oder doch eher Schmarotzer?

Die Frage, ob auch der Mensch zu den Spitzenprädatoren gehört oder gar der Spitzenprädator per se ist, muss letztendlich auch vor dem Hintergrund diskutiert werden, dass er aufgrund seiner Technologien zwar die Spitzenposition bei der Fähigkeit, zu töten einnimmt, damit andererseits jedoch keinen positiven Beitrag zur Stabilisierung von Ökosystemen leistet, als sich außerhalb der Natur Stellender auch gar nicht leisten kann. Die Vorstellung, der Mensch könne beispielsweise durch Jagd die regulierende Rolle der von ihm ausgerotteten Beutegreifer übernehmen ist nicht nur unendlich einfältig, sondern auch größenwahnsinnig. Die Wirklichkeit belegt das Gegenteil. Das sechste Massenartensterben ist dem direkten und indirekten Einfluss des Menschen zu verdanken, der nicht nur die Lebensräume seiner „Konkurrenten“ und deren „Beute“ nachhaltig zerstört, sondern sich im Gegensatz zu natürlichen Spitzenprädatoren auch noch unkontrolliert vermehrt. Biologisch gesehen, stellt der Mensch wohl auch nach wissenschaftlicher Definition eher einen Parasiten dar, der am Ende mit seinem „Wirtsorganismus“ Erde sterben wird.

Ein Wichtiges Buch

Wie bereits ganz am Anfang erwähnt, ist dem umfassend und anschaulich illustrierten Buch, das auch eine Reihe neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse enthält, eine deutsche Lizenzausgabe zu wünschen. Auch wer des englischen mächtig ist, dürfte trotz lockeren und gut verständlichen Erzählstils gewisse Schwierigkeiten insbesondere mit den biologischen Fachbegriffen und der Taxonomie haben, die nicht immer so einfach auf die Deutschen zu übertragen sind. Doch das tiefe Verständnis der taxonomischen Besonderheiten ist für die Lektüre des Buches und den Erkenntnisgewinn nicht erforderlich.

Robert M. Johnson III, Sharon L. Gilman, Daniel C. Abel: Tooth and Claw. Top Predators of the World. Princeton University Press 2023. Gebunden mit Schutzumschlag, 352 Seiten.

 

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