Montag, 9. März 2026

LUCHS

Schattenwesen und Lichtgestalt

Ein in mehrfachem Sinne wirklich schönes Buch hat der oekom-verlag zusammen mit dem Fotografen und Textautor Berndt Fischer und dem Luchs-Experten Marco Heurich zum bei uns gerade wieder heimisch gewordenen Luchs herausgebracht. Dabei hat sich Fischer gewissermaßen ins „Wohnzimmer“ der faszinierenden wilden Katze begeben, in die Welt zwischen Licht und Schatten.

Es geht nicht um das schönste Foto

Natürlich gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Bildbänden zum Luchs mit schönen Aufnahmen und Informationen über Lebensweise, Biologie und Schutz- bzw. Verbreitungsstatus dieses faszinierenden Wesens. Und auch ich selbst habe eine Reihe von Luchsfotos geschossen, in einem Luchsgehege, dort, wo es leicht ist, einen Luchs mit der Kamera einzufangen und auf den ersten Blick sogar recht spektakuläre Bilder dieser wunderschönen Katze zu erzeugen. Doch bereits in seinem Vorwort bringt es Berndt Fischer auf den Punkt: „Immer wieder tauchen im Fernsehen „wilde Luchse“ auf, die aber dann doch immer wieder auf dem Felsen der Gehegezone liegen oder stehen, auch wenn sie weiß Gott wohin verortet werden.“

Eine Hommage an das Pinselohr

Auch bei meinen Hobby-“Fotosafaris“ wurden mir schnell zwei Dinge klar: Selbst wenn ich ihnen am Gehegezaun Aug' in Aug' gegenüberstand, wir uns sogar vertraulich zuzwinkern konnten, dem Wesen, dem ich zu begegnen hoffte, war ich alles andere als nah. Vor diesem Hintergrund verloren meine Ambitionen, das „besondere Luchsfoto“ schießen zu wollen letztendlich ihre Bedeutung. Mit der Lektüre des dieses Bildbandes bin ich dem geheimnisvollen Pinselohr tatsächlich näher gekommen, als ich es in den Luchsgehegen jemals war. Und das liegt an der einfühlsamen Herangehensweise des Autors und Fotografen Berndt Fischer, der fünf Jahre lang mit Fotofallen und Live-Beobachtungen aus Verstecken den Luchsen in ihre wilde Welt gefolgt ist.

Eintauchen in wilde Welten

Zunächst mag der Lesende ein wenig verwundert sein, dass auf den ersten 50 der 176 Seiten fast nur Landschaftsbilder zu sehen sind. Spektakuläre, stimmungsvolle, atmosphärische Bilder zweifellos, aber nur wenig Luchs dabei. Enttäuschend ist das jedoch in keinster Weise. Im Gegenteil, denn der Lebensraum oder besser die unterschiedlichen Lebensräume sind es ja vor allem, die den Unterschied zum Gehege ausmachen und gleichzeitig gewährleisten, dass die Chancen des Menschen, die große Katze ohne technische Hilfsmittel zu Gesicht zu bekommen, verschwindend gering ist. Um so eindrucksvoller dann die mit der Fotofalle und Kamera eingefangenen hochwertigen Luchsbilder in ihrer natürlichen Umgebung, die in Zusammen mit den Erläuterungen des Autors für den Betrachtenden eine Nähe zu den einzelnen Individuen herstellen, die sonst kaum zu erreichen ist.

Nature writing at its best

Der Begriff Erläuterungen ist eigentlich viel zu ungenau. Tatsächlich erzählt der Autor. Er erzählt über seine Mühen in der Wildnis, über die Tatsache, dass ihn die Katzen trotz aller Tarnbemühungen längst entdeckt haben, bevor er selbst ihre Nähe überhaupt registriert hat. Er vermittelt, mit welcher Souveränität sich die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum bewegen und dabei den Menschen, den Fremdkörper in ihrem Revier, zu dulden in der Lage sind. Er erzählt die Familiengeschichten von Mech, Becher, Stummel, Stefan und Kassandra und lässt den Lesenden daran teilhaben. Nature writing at its best.

Ökologie und Zukunftsaussichten

Natürlich gehören zu einem Buch über Luchse auch wissenschaftliche Informationen. Die liefert Marco Heurich auf den letzten 13 Seiten mit seinen Ausführungen zur Ökologie des Luchses, die Wiederansiedlung in Mitteleuropa und die Zukunftsaussichten der nach wie vor bedrohten Katzenart. Ein wunderbares Buch an dem ich nur eines auszusetzen habe: Ausgerechnet im Klappentext wird der Luchs als „Großkatze“ bezeichnet. Das ist vermutlich auf eine redaktionell zu verantwortende Ungenauigkeit zurückzuführen, denn das Pinselohr ist zwar eine große Katze, sogar Europas Größte, aber als Familienmitglied der Felidae, tatsächlich eine Kleinkatze.

Berndt Fischer, Marco Heurich: Luchs. Schattenwesen und Lichtgestalt. Oekom 2026. Hardcover, 176 Seiten

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