Samstag, 10. Januar 2026

Sieben Tiere schlagen zurück

Wenn Mensch und Natur sich in die Quere kommen

Sieben Tiere, sieben Geschichten, sieben Begegnungen, mal skurril, mal melancholisch, mal humorvoll, immer aber nachdenklich stimmend und persönlich. Die Reise des niederländischen Journalisten Frank Westermann auf den Spuren des Polarreisenden Willem Barents‘ (16. Jh.) verbindet in Form einer literarischen Reportage persönliche Erfahrungen und Erkenntnisse mit niederländischer Seefahrtsgeschichte, tierlichen Schicksalen und menschlicher Hybris.

Die Spur des Entdeckers

Der Titel des Buches hätte auch nach seinem Einführungskapitel „Irrgäste“ gewählt werden können, denn die Situationen, in denen sich Mensch und Natur in die Quere kommen, haben in der Regel die Tatsache zum Hintergrund, dass sich wenigstens einer der Protagonisten in Regionen begibt, in Regionen verschlagen wird, in denen er nicht zuhause ist. So wie eben auch der Seefahrer Barents, dessen Männer sich auf der Suche nach einer Nordostpassage zwischen Europa und China auf Nowaja Semlja eine mehr als eineinhalbstündige Schlacht mit einem Walross liefern. Auch Freya, die aus der Polarregion abgetrieben 2021 ausgerechnet an den Stränden von Terschelling, der Geburtsinsel von Willem Barent, gesichtet wurde, war ein Walross und ein Irrgast.

Ein Terrorist und ein Fabeltier

In sehr weitem Sinne darf sicher auch der Narwal, das „Leittier“ des ersten Kapitels, zu den Irrgästen gezählt werden. Genauer gesagt der gedrehte Stoßzahn des Meeressäugers, der unter anderem in Zusammenhang mit einem vom Autor umfassend beschriebenen Terroranschlag in der Londoner Fishmongers Hall am 29.11.2019 eine zentrale Rolle spielte. Zu Barents Zeiten war der Träger des imposanten Stoßzahns noch nicht bekannt. Der Seefahrer hatte ein solches Einhorn auf Spitzbergen aufgelesen und mit nach Hause genommen. Dass es sich dabei nicht um das Horn des legendären, damals aber für real gehaltenen Einhorns handelte, fand man erst im 17. Jahrhundert heraus. Die ursprüngliche Zuschreibung des Stoßzahnes zum Einhorn hat dem Kleinwal nicht unbedingt gutgetan. Denn wegen der ihm unterstellten Wunderwirkungen, wurde sein Stoßzahn mit Gold aufgewogen.

Ein literarisches Netzwerk aus Zeit und Raum

Frank Westermann reist nicht nur im übertragenen Sinne auf den Spuren Willem Barents, auch er selbst treibt sich in den nördlichen Regionen herum, spricht mit Wissenschaftlern, Tier-/Menschenschützern und vielen anderen, die ihm etwas über die Tiere, mit denen sich der frühneuzeitliche Seefahrer konfrontiert sah, erzählen konnten. Dabei betritt er, dank seiner Kontakte und Erfahrungen, die er im Rahmen seiner Korrespondententätigkeit in Moskau gesammelt hatte, auch Regionen, die bei dieser Thematik nicht unbedingt im Fokus der LeserInnen stehen, muss sich mit Grenzen auseinandersetzen, die so manche Spezies, wie beispielsweise Rentiere auch zu politischen Irrgästen mit hohem Konfliktpotenzial machen.

Spannende Reisen in fremde Welten

Narwal, Lemming, Aal, Ringelgans, Eisbär, Rentier oder Königskrabbe, Westermann überrascht immer wieder mit neuen Ansatzpunkten, mit denen er die Verbindung zwischen unserer Gegenwart, der frühneuzeitlichen Vergangenheit und dem komplexen Mensch-Tier-Natur-Verhältnis herstellt. Ob es die Reise mit seiner Tochter dorthin ist, wo die Menschen und Eisbären sich miteinander arrangieren, ob es seine Erfahrungen beim Studium der Agrarwissenschaften mit Schwerpunkt Wasserbau und den Umweltfolgen des Abschlussdeichs der Zuidersee, seine Korrespondententätigkeit oder natürlich die Aufzeichnungen des Willen Barent sind: Die Perspektiven, die der Autor seinen LeserInnen anbietet, sind mindestens ebenso spannend wie die Geschichte/Geschichten selbst.

Ein ernsthaftes Lesevergnügen

Sieben Tiere schlagen zurück ist tatsächlich ein Sachbuch mit literarischen Qualitäten, es macht Spaß es zu lesen, vermittelt unaufdringlich Informationen weit über die „behandelten“ Tiere hinaus und oft mehr noch über die Menschen, ist gelegentlich ein wenig melancholisch, so wie wohl die Atmosphäre des Nordens selbst und lädt zum Philosophieren ein. Das Einzige, was mir am Buch nicht gefällt, ist der Titel Sieben Tiere schlagen zurück, weil er m.E. dem Charakter des Buches nicht gerecht wird. Irrgäste hätte ich tatsächlich passender gefunden.

Frank Westermann: Sieben Tiere schlagen zurück. Wenn Mensch und Natur sich in die Quere kommen. Herder 2025. Hardcover, 288 Seiten.

 

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