Ein kleiner Vogel mit großer Geschichte
Keine Frage: der Haussperling ist einer der intelligentesten Vertreter seiner Familie. Ob er tatsächlich einen besonderen Faible für die indoeuropäische Sprachfamilie hat, darf allerdings bezweifelt werden. Dennoch ist der Zusammenhang des Verbreitungsgebietes des geselligen Kulturfolgers mit dem der indoeuropäischen Sprachfamilie unübersehbar. Für den norwegischen Evolutionsbiologen Glenn-Peter Saetre war diese Auffälligkeit jedenfalls Anlass, sich der Entwicklungsgeschichte des Haussperlings über die kulturgeschichtliche Dimension zu nähern.Ein zwitschernder Kulturfolger
Es ist sicherlich nicht überraschend, dass es dann wohl weniger die Feinheiten indoeuropäischer Sprachen, sondern doch eher das Getreide und die Pferdeäpfel waren, die die Haussperlinge dazu veranlassten, den indoeuropäischen Völkerschaften bei ihrer Verbreitung über den alten Orient und Europa und letztendlich auch in die neue Welt zu folgen. Doch die kulturgeschichtliche Dimension, mit der der Autor seine LeserInnen in die Welt der Spatzen einführt, ist eine sehr schöne Methode, um die engen Zusammenhänge zwischen menschlicher und tierlicher Evolution am Beispiel dieses kleinen, früher allgegenwärtigen Vogels zu veranschaulichen.
Komplexe zwischenartliche Beziehungsdynamiken
Vor dem Hintergrund der kulturgeschichtlichen Entwicklungsstränge befasst sich der Evolutionsbiologe auch mit den Themen der Artenbildung. Wie wurde der Spatz überhaupt zum Haussperling, was hebt ihn gegenüber seinen nächsten Verwandten, dem Feld- und dem Weidensperling hervor oder wie wirken sich die Interaktionen zwischen den Sperlingsarten und ihrer Umwelt auf die Artenbildung- und Entwicklung und die jeweilige Verbreitung aus?
Und immer wieder kommt, schließlich geht es ja um den Haussperling, der Mensch ins Spiel. Sei es als Fan, sei es als Feind. So erfahren die LeserInnen über bewusste Translokationsprojekte im Rahmen von Kolonialisierungen, u.a. weil der Spatz als Nützling bei der Schädlingsbekämpfung angesehen wurde. Andererseits musste er massive Ausrottungskampagnen über sich ergehen lassen, weil er nun einmal das sehr effektiv tut, was ein Spatz eben tut, nämlich Körner und damit auch mal ganze Felder leerfressen.
Anpassungswunder auf dem Rückzug
Im Grunde ist der kleine Vogel mit großer Geschichte ein Anpassungswunder. Ob in steinzeitlichen Siedlungen, mittelalterlichen Städten oder Metropolen der industriellen Revolution, überall fand er Wege, sich an die neuen Lebensräume und Bedingungen anzupassen. Es ist ihm auch immer wieder relativ schnell gelungen, sich auch biologisch auf neue Lebensmittelquellen einzustellen. Doch irgendwann kommt auch der Haussperling in unserer „modernen“ naturkastrierten Welt an seine Grenzen. Nahrungsverknappung durch Flächenversiegelung, das insektenfeindliche Kurzhalten der Rasenflächen Verminderung der Nistmöglichkeiten durch Fassadenabdichtung machen dem kleinen geselligen Vogel das Leben schwer. Und so sind seine Bestände in vielen Regionen unseres Landes rückgängig.
Human-animal-studies at its best
Glenn-Peter Saetres Buch ist eine gelungene Mischung aus Naturwissenschaft, Kulturgeschichte und vielen lebendigen Beispielen. Es beschreibt unterhaltsam und spannend am Beispiel des „Allerweltvogels“ wie eng kulturelle und biologische Evolution aller Spezies miteinander verzahnt sind. Und wer beispielsweise die Geschichte, wie eine Spatzenhorde die Lichtschranke der Tür zu einem Einkaufszentrum gezielt überwindet, um dort ihre täglichen „Raubzüge“ zu veranstalten, der dürfte die geschwätzigen Kerle nach der Lektüre mit anderen Augen sehen. Alles in allem ein Buch, dass nicht nur das Spatzen- sondern auch das Naturverständnis insgesamt zu vertiefen in der Lage ist.
Glenn-Peter Saetre: Der Spatz. Ein kleiner Vogel mit großer Geschichte. Haupt 2026. Hardcover 222 Seiten.

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