Mittwoch, 2. September 2020

Tiere und Emotionen

Band 17 der Reihe Tierstudien

Der 17. Band der Tierstudien des Neofelis Verlages befasst sich mit dem Thema Tiere und Emotionen und verbindet dabei die Emotionsforschung und die Animal Studies. Letzteren ist die gesamte Reihe gewidmet, die sich mit unterschiedlichen Perspektiven und Schwerpunkten mit dem Mensch-Tier-Verhältnis in Geschichte und Gegenwart auseinandersetzt. Das Thema Tiere und Emotionen ist heute vor dem Hintergrund der Diskussionen um Massentierhaltung und Tierversuche von hoher Aktualität, obwohl es bereits seit der Antike Gegenstand von Philosophie und Ethik und Literatur ist.


Als Tiere und Menschen noch zusammengehörten

So befasst sich der erste Beitrag der Kulturwissenschaftlerin Kerstin Geßner mit den antiken Wurzeln der Mensch-Tier-Beziehungen. Die in der pythagoreischen Gedankenwelt postulierte Seelengleichheit von Mensch und Tier begründete das antike Prinzip des friedlichen Miteinander aller Kreaturen. In pythagoreischen Kreisen führte das zum Verzicht auf Fleisch- und Fischverzehr und zur Ablehnung der Misshandlung und rücksichtslosen Ausbeutung der tierischen Arbeitskraft. Nicht zuletzt die Ähnlichkeit der Emotionen und Gefühle der verschiedenen Tierarten - zu denen auch der Mensch zählte – galt als Beleg für die Seelengleichheit und damit der Grundlage für die gegenseitige Rücksichtnahme.
Selbstverständlich handelte es sich dabei um eine philosophischer Idealkonstruktion, denn der pythagoreische Dreiklang aus Seelengleichheit, Freundschaft und Verwandtschaft als „Chiffre für eine ideale Utopie“ geriet immer wieder mit der gesellschaftlichen Realität in Konflikt. Der wurde am Ende Aristoteles mit seiner Vorstellung der scala naturae, einer naturgegebenen Hierarchie von Pflanzen, Tieren und Menschen gerecht. So reduzierte Aristoteles „die Pflanzen- und Tierseele auf eine rein vegetative und affektive Stufe. Geist und Verstand wurden nun zum Alleinstellungsmerkmal des Menschen.

Ein literarisches Sittengemälde der Tier-Mensch-Beziehung der Vormoderne

Emotionale Mensch-Tier-Bindungen durchziehen die Literatur von der Antike bis heute. In ihrem Beitrag Gefährliche Gefährtenschaft untersucht die Literaturwissenschaftlerin Susanne Schul wie Tier-Mensch-Beziehungen medial geprägt werden und beschäftigt sich mit der Frage, „inwieweit Tiere dabei nicht nur als Effekte einer um- und abgeleiteten Eigen- oder Ersatzliebe gelten, sondern auch selbst als Akteur*innen emotionaler Praktiken in Erscheinung treten können“. Anhand einer Erzählung im spätmittelalterlichen Prosaepos Königin Sibille untersucht sie diese und andere Fragen mithilfe einer Kombination von tier- und emotionstheoretischen Ansätzen. Der Leser bekommt einen tiefen Einblick in die Konstruktionen und Intentionen der mittelalterlichen Literatur, die die Gefährtenschaft zwischen Mensch und Tier – in diesem Fall Hund und Mensch – in das christlich-ständisch geprägte Ordnungsmodell der Vormoderne einbettet.

Hund-Mensch-Beziehungen im 18. Jahrhundert

Die Historikerin Aline Steinbrecher schließt mit ihrem Aufsatz Vermisstenanzeigen für Hunde aus dem 18. Jahrhundert, die sie dem Leser mithilfe eines emotionshistorischen Ansatzes erschließt, mit dem Kapitel „Historische Dimensionen“ ab. Die Autorin analysiert die Anzeigen aus den „Wöchentlichen Frankfurter Frag- und Anzeigennachrichten“ von 1722 bis 1820 und stellt sie in Zusammenhang mit den „konventionellen Standards und Stilen, die die Produktion und den Umgang mit Gefühlen in einer gegebenen Gesellschaft bestimmen“. Die etwas sperrige Beschreibung der wissenschaftlichen Ansätze sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass das auch dieses Thema außerordentlich interessant und vielschichtig ist. Denn neben den jeweiligen emotionstheoretischen Interpretationen präsentiert die Autorin dem Leser spannende historische Hintergrundinformationen. Dabei geht es nicht nur um die aus den Anzeigentexten hervorgehenden Indizien für die jeweiligen Hund-Mensch-Beziehungen, sondern auch um den Einfluss gesetzlicher Vorschriften zur Hundehaltung, Hundediebstahl oder die Rolle von Hundeaccessoires.

Kuschelige Löwen und mörderische Bestien

Auch die weiteren Beiträge kommen naturgemäß ohne historische Komponente nicht aus. Die beiden im Kapitel „Emotionale Tier-Mensch Beziehungen in der Praxis“ publizierten Aufsätze sind zeitlich jedenfalls in der Kolonialzeit zu verorten. Die Kulturwissenschaftlerin Lea Pfäffi führt ihre Leser in die koloniale Arktis und vermittelt die enge, ja existenzielle Verbindung der Arktisforscher mit ihren Schlittenhunden. Deutlich wird dabei auch, wie wichtig indigenes Wissen und Kulturtechnik für den Umgang mit den Schlittenhunden waren und welchen auch emotionalen Stellenwert die Tiere in der menschlichen Forschungsgemeinschaft einnahmen.
Die Historikerin Gesine Krüger beeindruckt den Leser mit ihrem Beitrag Löwenliebe. Emotionale Bindungen zu den großen Katzen finden sich zahlreich in der Literatur. Nachdem Darwin in seinem Werk „Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“ den Tieren ihre Emotionalität, Individualität und Persönlichkeit „zurückgegeben „ hatte, warteten unter anderem Alfred Brehm oder Joy Adamson in ihren Büchern mit zahlreichen Anekdoten und Geschichten von innigen Verhältnissen zwischen Menschen und Löwen auf. Auf Gesine Krügers Streifzug durch die Geschichte der Mensch-Löwen-Beziehungen trifft der Leser auch auf die legendären Löwen von Tsavo, die in diesem Zusammenhang neben anderen Beispielen insofern interessant sind, als dass sie als Ghost und Darkness in negativem Sinne individualisiert und emotionalisiert wurden.

Frankensteins Kollegen und deprimierte Fische

Keine Frage, auch die Beiträge des folgenden Kapitels „Wissenschaftliche Forschungsmethoden der Annäherung an tierliche Emotionen“ sind außerordentlich informativ und spannend und gelegentlich auch verstörend. Etwa, wenn die Wissenschaftshistorikerin Stephanie Eichberg über die tierlichen Emotionen in den Neurowissenschaften des 19. Jahrhunderts berichtet. Aufschlussreich und hinsichtlich unseres Umgangs mit diesen Tieren ebenfalls bestürzend sind auch die Ausführungen des Verhaltensforschers Jonathan Balcombe, der vom erstaunlich reichen emotionalen und selbstbewussten Leben der Fische erzählt: „Unter anderem haben Fische Persönlichkeiten, sie planen, erkennen, erinnern sich […] haben Traditionen […] werden deprimiert, benutzen Werkzeuge, lernen durch Beobachtung und bilden mentale Karten.“

Denkanstöße

Der Abschnitt Vermittlung von und Austausch über Tiere und Emotionen beginnt mit einem denkwürdigen agrar-philosophischen Gespräch zwischen dem Philosophieprofessor Uriah Kriegel und dem Agrarpolitologen Philipp von Gall. Sie setzten sich mit der Frage des (heute wissenschaftlich unstrittigen) emotionalen Bewusstseins bei Tieren und seiner politischen Bedeutung auseinander. Da spielen natürlich ethische und moralische Fragen eine Rolle aber auch neue Perspektiven und Definitionen, beispielsweise zur Frage des Tierwohls, der artgerechten Haltung oder die Vorstellung von gutem Leben aus Tiersicht. Dieser Dialog hat es in sich! Schon eher im für den Leser vertrauten Rahmen bewegt sich hingegen das vom Ethologen und Verhaltensökologen Marc Bekoff vorgestellte amerikanische Projekt „Kunst hinter Gittern“ im dessen Rahmen Gefangene durch die künstlerische Auseinandersetzung mit Tieren und Umwelt Fähigkeiten zu entdecken und zu entwickeln, um sich später wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

Tierische Emotionen in der Kunst

Um die künstlerische Annäherung an tierische Emotionen geht es auch in den folgenden Beiträgen. Die Kunsthistorikerin Ellen Spikernagel stellt die faszinierende Welt von Rembrandt Bugattis Zootieren (Plastiken) vor, Die Illustratorin Lena Winkel schreibt über ihre Sicht der Tiere als Emotionscontainer im zeitgenössischen Bilderbuch, ein Beitrag, der tatsächlich interessanter ist, als er klingt. Denn er macht deutlich, dass Kinderbuchillustrationen nicht nur eine handwerklich-künstlerische Angelegenheit sind, sondern mit sehr viel mehr Gedankenarbeit verbunden sind, als man gemeinhin annimmt.
Mit dem Abschnitt Künstlerische Positionen entlässt der 17. Band der Reihe Tierstudien den Leser auf eine recht wortkarge Art. In Bildern und Skizzen präsentiert die Performance-Künstlerin Kathy High ihre lachenden Ratten – ja, auch Tiere können lachen und mit Fotos von Ross Taylor, der trauernde Menschen im Angesicht des Todes ihres geliebten Tieres zeigt, endet die Reise in die Welt der tierischen Emotionen.

Jessica Ullrich, Marianne Sommer: Tierstudien 17/2020. Tiere und Emotionen. Neofelis Verlag 2020. Taschenbuch 171 Seiten

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