Samstag, 10. Dezember 2016

Erinnerungen an ein Tinktier

Ging heute vor fünf Jahren über den Regenbogen. R.I.P mein kleines Tigerchen

Tinka, Tinktier oder einfach „Das Tink“ war eine Katzendame der Dreierbande, die 2002 zwecks Nagerbekämpfung aus dem Tierheim auf den Reiterhof, auf dem wir damals lebten, geholt wurde. Meine erste Begegnung mit ihr fand in dem Raum statt, in dem die Dreierbande zur Eingewöhnung untergebracht war. Während Kater Benno alle Eindringlinge zusammengekauert auf dem Kleiderschrank mit vor Angst geweiteten Pupillen anstarrte, hatte Sally es sich unter dem leeren Lattenrost des Doppelstockbettes gemütlich gemacht. Alles im Blick und trotzdem vor feindlichen Zugriff sicher. Tinka hingegen saß auf der Vorderkante des oberen Bettes und begrüßte die Besucher mit furchteinflößendem Fauchen. dabei entblößte sie drohend ihren einzigen Reißzahn.

Ich weiß nicht, wieso. Aber ich hatte das Gefühl, dass die kleine kätzische Klapperschlange bei meiner Berührung nicht zustoßen würde. Und ich hatte Recht. Kaum hatte meine vorsichtig ausgestreckte Hand den Kopf des Katzentieres erreicht, wurde aus der zusammengerollten Klapperschlange eine lauthals schnurrende, lang ausgestreckte Flachkatze, die sich ausgiebig streicheln ließ. Jedenfalls von mir. Noch viele Monate blieben die drei Katzen einschließlich des Tinks weitgehend unnahbar, Versuche, sie anzufassen oder gar aufzunehmen, drohten in einem Blutbad zu enden.

Irgendwann hatten sich die Katzen an mich und meine Frau gewöhnt, kein Wunder, war es doch unsere Aufgabe gewesen, uns um die Fellnasen zu kümmern. Die Besucher des Reiterhofes bekamen die Katzen kaum zu sehen. Die beiden Schwarzen suchten bei deren Auftauchen recht schnell das Weite oder ein sicheres Versteck. Einzig das Tink hielt üblicherweise die Stellung und machte dabei deutlich, dass sie Menschen, Hunde und vor allem Kinder weder ausstehen konnte, noch zu dulden gedachte. Das bekam auch der ansonsten taffe Hofhund Nando zu spüren. Immer, wenn das Tinktier an dem friedlich vor sich hindösenden Schnauzermischling vorbeikam, zog sie ihm vorsorglich mit einer lässigen Bewegung und einem vorwurfsvollen Fauchen ihre Krallen über die Nase. Und auch Kinder, die sich innerhalb ihres Reviers zu schnell oder zu laut bewegten, wurden zumindest mit einem empörten Fauchen zur Raison gerufen.
Tinks Revier war allerdings im Wesentlichen auf das überschaubare Hofareal vor unserer Wohnung beschränkt. Das lag wahrscheinlich an ihrem angeschlagenen Gesundheitszustand. Denn obwohl erst rund zwei Jahre alt, hatte sie bereits drei ihrer Reißzähne verloren. Nicht selten schnaufte und röchelte sie im Schlaf wie eine Dampfmaschine, der das Feuer auszugehen drohte, wahrscheinlich die Folge eines in der Jugend ausgestandenen Katzenschnupfens.

Tinka war ziemlich souverän. Immerhin hatte sie kein Problem, die eigentliche Herrscherin des Hofes, die alte Glückskatze Garfield, zu ignorieren. Und auch die damals noch deutlich größere und kräftigere Garfield nahm die Anwesenheit des Tinktieres auf königliche Weise nicht zur Kenntnis. Tinka duldete auch die Freundschaft Bennos, vorausgesetzt, er trieb es mit seinen Annäherungsversuchen nicht zu weit. Und irgendwann, nach endlos langer Zeit, ließ sich das Tink sogar von mir aufnehmen und für jeweils kurze Zeit auf meinen Beinen streicheln. Und eines Tages fällte die Tigerlady einen weitreichenden Entschluss. Sie nahm mich als IHREN Menschen in Besitz. Während es sich Benno nach seinen nächtlichen Ausflügen auf der Bettseite meiner Frau gemütlich zu machen begann, hatte das Tinkchen mein Bett und meinen Bauch als ihre persönliche Schlafstelle ausgewählt. Das sollte bis zuletzt so bleiben.

Irgendwann, nachdem  wir schließlich vom Reiterhof in eine dörfliche Wohnung ohne Freigang gezogen waren, hatte mich das Tinktier vollends in Besitz genommen. Nicht nur, dass ich es inzwischen problemlos hochnehmen konnte, am liebsten hätte die kleine Katzendame mit zunehmendem Alter ihren  Lieblingsplatz auf meinem Arm oder Schoß nicht mehr verlassen. Ich hatte schon daran gedacht, in der Wohnung mit einen Bauchbeutel herumzulaufen, damit ich sie nicht immer wegsetzen musste, wenn ich mal von meinem Arbeitsplatz aufstehen und das Büro verlassen musste.

Das Tinktier hatte inzwischen eine unglaubliche Beziehung zu mir aufgebaut (umgekehrt natürlich auch). Häufiger notwendige Tierarztbesuche, u.a. mit umfangreichen Untersuchungen und halbstündigen Infusionssitzungen über mehrere Tage überstand sie klaglos auf meinem Schoß. Danach ließ sie sich vom Kater behuddeln und wenn es ihr besser ging, übernahm sie unverzüglich wieder ihren Job als meine persönliche Bürovorsteherin. Im Wohnzimmer besaß die nun schon ältere Dame einen eigenen Kommandosessel. Hier residierte sie, wenn sie ihre Ruhe brauchte, hier nahm sie huldvoll ihre Leckereien in Form von Rinderhack oder Hähnchenbrustfilet entgegen und hier gelang es ihr auch mit der ihr eigenen Hartnäckigkeit uns immer wieder bei der notwendigen Medikamentengabe auszutricksen.

Trotz zunehmender gesundheitlicher Probleme und gewisser Einschränkungen war sie weiterhin eine lebensbejahende und souveräne Katze. Selbst als sie bereits weitgehend blind war, schaffte sie es des Abends mühelos und in wenigen sicheren Sprüngen von ihrem Kommandosessel über den Tisch zur Couch auf der ich mich niedergelassen hatte, um sich schnurrend auf ihrem Lieblingsplatz, meinen Bauch, zusammenzurollen. Des Öfteren ließ sie sich zuvor auch auf der Rückenlehne der Couch nieder, um dann sofort tief und fest einzuschlafen. So fest, dass sie nach kurzer Zeit tiefenentspannt den Halt verlor und abschmierte. Unglaublich aber wahr: das Tink erreichte dabei nie den Boden, sondern hatte immer noch rechtzeitig eine Kralle für das Polster übrig. Wenn sie sich dann hochhangelte und der Kopf wieder über der Rückenlehne auftauchte, machte sie ein furchtbar empörtes Gesicht. Ich habe nie zuvor und auch nie nach ihr eine Katze gesehen, die ein solch empörtes Gesicht machen konnte.
 
Im Herbst 2011 erlitt Tinka eine Thrombose im linken Hinterbein, das sie – völlig gelähmt – hinter sich herzog. Das hinderte sie keineswegs daran, ihre gewohnten Wege über Sessel, Tische und Sofas zu gehen. Sie schien sich überhaupt nichts aus ihrem neuen Handicap zu machen. Jeden Abend massierte ich ihr Beinchen während sie auf meinem Bauch schnurrte und es erschein fast wie ein Wunder, dass das eigentlich verloren geglaubte Bein nach rund einem Monat ziemlich plötzlich wieder voll funktionsfähig war.
Ein paar Wochen später, am 10. Dezember 2011 sprang meine geliebte Tinka ein allerletztes mal auf meinen Bauch, um von dort aus ihren Weg direkt in das Regenbogenland zu gehen. Tinka, das Tinktier oder schlicht „Das Tink“ war einfach unglaublich. Selten habe ich Mensch oder Tier gesehen, die Schicksalsschläge dermaßen unverzagt weggesteckt und in vollen Zügen das gelebt haben, was das Leben ihnen anzubieten bereit war.
Natürlich ist auch das Tinktierchen als „Lady Amalie“ Mitglied der Rotbartsaga-Crew geworden. Keine Frage auch Lady Amalie ist dort eine Klabauterkatze, wie die Schwarznase Sally und die Grande Dame des Reiterhofes Garfield, die 2009 ihren Weg in das Regenbogenland angetreten hat und als „die Alte“ in der Rotbartsaga weiterlebt.

1 Kommentar:

  1. Danke für deine Erinnerung von deiner lieben Tinka mit uns zu teilen. Schnurren

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