Mittwoch, 26. September 2012

Interview mit einem Kater 3











Sally im Gespräch mit Max Schneider

Er gilt als Gourmand und Bonvivant der Katzenszene und manch ein Künstler hat Bildnisse von ihm angefertigt, die ihn in die Nähe der Götterwelt rücken. Die Rede ist von Max Schneider, einem Vertreter unserer Spezies, der felis silvestris catus, dem diese Bezeichnung ganz besonders auf den Leib geschnitten zu sein scheint. So deutet bereits das Wort „silvestris“ darauf hin, dass es Max – natürlich nur im übertragenen Sinne – gerne mal krachen lässt und sich gelegentlich auch mal auf den einen oder anderen ungeschützten Nasenstupser einlässt. Aber der feline Halbgott hat auch seine praktisch-intellektuellen Stärken, wie der Zusatz „catus“ (lat. pfiffig, gewandt, scharfsinnig) belegt.
Für das Magazin katzen-kultur möchte ich mich im persönlichen Gespräch der Persönlichkeit des Max Schneider nähern, der  – wie Sie, liebe Leser, sehen werden – trotz seiner Berühmtheit ganz bodenständig und bescheiden (für einen Kater!) geblieben ist – die regelmäßige Versorgung mit Wurstpaketen vorausgesetzt.

Sally: Hallo Max, man kennt Dich in der Öffentlichkeit als Genusskater, nicht zuletzt wegen Deiner engen Beziehung zu Wurstpaketen, Fleischereien und Wurstkoffern. Dabei bist Du ja alles andere als ein Müßiggänger. Kater Egon hat zumindest lobend darauf hingewiesen, dass Du Dich im Haushalt nützlich machst und ihm damit den Rücken für seine philosophischen und kulturellen Aktivitäten freihältst. Was genau sind  denn nun Deine Aufgaben?

Max: Ich bin Hausfrau. Als solche wird man ja – wie die Blindschleiche auch – gemeinhin mit dem Modalpartikel „nur“ genannt. Es ist ein Beruf wie jeder andere und sollte mehr anerkannt werden. Für das, was man tagtäglich tut, erwartet man ja kein großes Dankeschön, aber eine Wurst ist eine schöne Geste. Die Leute sehen nur, was ich esse. Sie denken, der Max, der ernährt sich von Nektar und Ambrosia, aber so ist es ja auch nicht. Ich versichere, dass ich noch nie Nektar und Ambrosia im Kühlschrank hatte, und auch einen Wurstkoffer habe ich bei weitem nicht jede Woche.
Dabei ist man ja kein Perpetuum mobile. Mir fällt es auch nicht immer leicht, nach durchzechter Nacht frühmorgens aufzustehen und mit pelziger Zunge gleich Socken in den Mund zu nehmen. Es sind zu viele Socken. Jeder Ökonom weiß: Lagerfläche kostet Geld. Ich verwalte nämlich auch unsere Finanzen; das mache ich mehr so unter der Hand. Ich sehe die Kontoauszüge durch und ermittle Einsparpotentiale. Aber das würde jetzt zu weit führen.

Sally: ääähem, kannst Du nochmal zurück zu Deinen Haushaltsaktivitäten kommen?

Sicher, sicher. . . . .Man hat also die Socken verräumt, dann kommt man ins Wohnzimmer, da ist alles schon wieder wie vorher, dabei hatte man doch erst das Sofa in saurer Arbeit eingehaart. Also wieder von vorn. Dann sitzen im Flur die Motten an der Wand, da springt man und macht.... Inzwischen ist Egon aufgestanden und sieht nicht ein, warum er sich auf der Toilette hinsetzen soll, und dann läuft alles daneben. Ich bin der einzige, der daran denkt, da mal Streu drüberzuscharren. Es ist ein Fass ohne Boden.
Dann wollen ja auch die Mahlzeiten eingehalten werden; dann muss noch das Rindfleisch unter die Bettdecke, und das war schon wieder der Tag. Ich falle abends todmüde auf den Feudel. Wenn ich es in meiner Freizeit ein-, zweimal pro Woche in die Kneipe zum Widerstandsstammtisch schaffe, bin ich froh.
-Zurück zur Wurst. Ich esse gerne Wurst. Ohne Wurst kein Max. Man könnte es auch so ausdrücken: In der einen Waagschale liegen die Würste, in der anderen, und das muss man auch sehen, die Robinson-Socken.

Sally: Da hast Du ja eine Menge Verantwortung übernommen und das, obwohl das Verhältnis zwischen Dir und Egon am Anfang ja doch recht gespannt gewesen ist – oder hattest Du damals eine andere Einstellung zum Zusammenleben als Kater Egon und wie hast Du eigentlich seine – nun, sagen wir – Feindseligkeit erlebt, war Dir eigentlich bewusst, wie er leidet?

Max: Höre ich da einen Vorwurf heraus? Ich war damals noch klein und arglos. Ich musste mit meinen 6 Monaten aus dem Haus. Im Vorfeld hatte ich mich über die Norwegische Waldkatze informiert. Man will ja wissen, zu wem man kommt. Es hieß, die Norwegische Waldkatze sei für gewöhnlich gesellig, von freundlichem Wesen und akzeptiere auch andere Katzen problemlos in ihrer Wohnung.
Ich hatte mir in Egon die Vaterfigur erhofft, die ich nie hatte, und traf am 20. Februar 2006 auf einen wunderlichen Kauz, der von da an für ein halbes Jahr das Schnurren komplett einstellen sollte. Nanu, dachte ich. Er reagierte auch sehr schnell pikiert. In meinen Augen ist es ganz natürlich, dem anderen den Napf wegzuziehen. Egon musste erst lernen zu teilen. Das fiel ihm schwer. Ich bin nun mal der schnellere, und er guckt in die Röhre.
Aber Namen sind alles andere als zufällig. So steckt in „Egon“ bezeichnenderweise Ego, „Max“ hingegen kommt von Maximus oder Maximum. Mir ging mit dieser Erkenntnis ein Licht auf, und ich wusste, dass ich mich in dieser Situation als der Größere, Reifere um Gleichmut würde bemühen, über den Dingen würde stehen müssen. Es war der richtige Weg, obwohl es mich oft hart ankam. Noch heute achte ich darauf, dass sich Egon bei Kämpfen als der Überlegene erlebt.

Sally: und klappt das mit dem „über den Dingen stehen“? Unter den Bedingungen, die Du hier schilderst, muss das doch ein immenser psychischer Druck sein, mit dem Du da zurecht kommen musst.

Max: . . . Was sich noch nicht gebessert hat, ist das mit dem Stimmenhören, das damals anfing. Ich will ganz offen darüber reden: Ich höre immer wieder dieselbe Stimme, die, wie es scheint, von außerhalb kommt und mir weismachen will, es sei genug für alle da. Am Ende glaubt man es noch selbst. Wenn das mit den akustischen Halluzinationen nicht aufhört, scheue ich mich nicht, einen Spezialisten hinzuzuziehen. Man kann heute so etwas  medikamentös sehr gut in den Griff kriegen, zumal es bei mir ja in einem Stadium ist, wo ich die Stimmen selbst noch als unwirklich einordne.

Sally: Inzwischen seid ihr ja ein recht gutes Team und eine gegenseitige – wenn auch sorgfältig heruntergespielte – Wertschätzung ist ja durchaus vorhanden. Wie hat sich das denn entwickelt?

Max: Zuerst war ich mit allem völlig überfordert. Ich steckte ja damals mitten in der Ausbildung zum Sockenfachwirt, dazu noch die angespannte private Situation. Ich hatte manchmal nicht mehr die Kraft zum Darüberstehen und hatte schon mehrmals an Trennung gedacht. Als ich begann, heimlich zur Flasche zu greifen und mich beinahe jede Nacht vor dem Kühlschrank wiederfand, zog ich die Reißleine. Egon und ich suchten gemeinsam eine Beratungsstelle auf und können jetzt unser Miteinander konstruktiver gestalten. Egon und ich ergänzen uns in all unseren Gegensätzen. Es ist auch wichtig, dass man Dinge nicht für selbstverständlich nimmt, zum Beispiel das Geputztwerden, wo man selbst nicht hinkommt.
Auch versuche ich, die Schwächen des anderen zu tolerieren. Wenn Egon aus dem Konzept gerät, weil ich eben beim Fotografieren gern mit auf dem Bild bin, dann lebe ich damit. Umgekehrt lasse ich mich nicht beirren, wenn Mama mich streichelt und Egon nicht anders kann, als die ganze Zeit hinzustarren.

Sally: Und gab es da ein spezielles Ereignis, dass euch einander näher brachte?

Als wir dann das erste Mal zusammen zum Tierarzt mussten – ich weiß noch, es ging um Zahnsteinentfernung -, war das ein einschneidendes Erlebnis. Jeder, der so etwas einmal mit einem Nahestehenden durchgemacht hat, weiß, wie sehr einen das zusammenschweißt.
Heute trinke ich niemals mehr allein und würde jedem in einer ähnlichen Lage raten: Machen Sie das bloß nicht! Der Alkohol löst die Probleme nicht. Er vertuscht sie nur, man wird nur stumpfer, und schließlich vernachlässigt man sein Fell und hat in allen Socken Löcher.

Sally: Kater Egon redet im Moment ja mal wieder nur von seinen Auswanderungsabsichten und inzwischen auch von einem Schiffskaterjob. Was meinst Du dazu, wie ernst muss man das nehmen und hast Du schon mal mit dem Gedanken gespielt, ihn zu begleiten? Möglicherweise braucht er dich ja genauso, wie Du ihn.

Max: Mitkommen? Das geht nicht. Ich kann hier nicht weg. Was soll denn aus allem werden, was wird aus den Fleischstückchen, die noch überall versteckt liegen? Ausgeschlossen. Das Rad dreht sich ja hier weiter; es ist nicht auszudenken: Ich mit Egon in der Tundra unterwegs, und daheim stapelt sich die Wäsche… Heimat ist da, wo dein Napf steht. So habe ich es gelernt.
Ich glaube nicht, dass Egon es wahrmacht. Er ist mehr der Theoretiker und bei der Erfüllung seiner praktischen Bedürfnisse auf andere angewiesen. Sein Fell filzt sehr leicht, und er könnte ja nicht alle vierzehn Tage nur zum Kämmen und Zähneputzen anreisen. Er braucht auch jemanden, der ihn  öfter mal in den Arm nimmt und den er in die Nase beißen kann.
Ich denke auch nicht, dass Norwegen Egon nimmt. Die behördlichen Einwanderungshürden sind zwar nicht sehr hoch, aber es würde schwer für Egon, etwas zum Gemeinwesen beizutragen, zumal er sich nicht gerade durch die deutschen Tugenden auszeichnet. Ich weiß nicht, wie einer aus dem Schlafbeutel heraus einen zweijährigen Integrationskurs absolvieren, geschweige denn etwas zum Bruttosozialprodukt beitragen will.

Sally: Du giltst als glühender Verehrer von Matrosenchören. Woher kommt das eigentlich, hat das etwas mit Deiner uns noch völlig unbekannten Vor-Egon-Vergangenheit zu tun?

Max: Hier bin ich überfragt. Guttaring hat, soweit ich weiß, keinen Hafen. Es war einfach in mir, dieses Gefühl, als ich zum ersten Mal den Männerchor der Schwarzmeerflotte singen hörte. Diese tiefen, sonoren Stimmen! Alles in mir vibrierte. Ich saß vor dem Fernseher und wiegte mich mit halbgeschlossenen Augen hin und her. Ich kann das Gefühl gar nicht beschreiben. Es ist ein wunderbares Gefühl. Woher es kommt, weiß ich nicht. Vielleicht lasse ich einmal unter Hypnose eine Rückführung machen.
Leider besitze ich selbst kein Album. Mama erlaubt es nicht.

Sally: Wenn Du so auf Matrosenchöre stehst, hast Du schon einmal daran gedacht, einen Schiffskatzenchor ins Leben zu rufen und damit auf Tournee zu gehen? Wenn ich an Odini denke, dann scheint Dir das Showbizz doch zu liegen.

Max: Ich trete mit dem großen Odini nicht mehr auf. Odini wollte mich zwingen, einen blauen Glitzerbikini anzuziehen. Ich habe gesagt, der Bikini oder ich! Jetzt hat er eben keinen Assistenten.
Man darf sich im Leben nicht verbiegen, wenn man etwas für grundfalsch hält.
Ein Schiffskatzenchor – das wäre nicht dasselbe wie ein Matrosenchor. Ich will mal so sagen: Würde man zum Beispiel den gesamten Männerchor der Schwarzmeerflotte kastrieren lassen, dann wäre der Reiz irgendwie weg.
Ich bin ja auch ausgelastet mit Flatulenzia, unserem sehr erfolgreichen Ensemble. Meine Bläser möchte ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen: Herr Stimpy Krieg am Horn, Herr Moppi der Liebe, unser Tubist, und seit kurzem die hoffnungsvollen Jungflatulenten Tommy und Micky Geng. Es ist nicht das gleiche wie ein Matrosenchor, doch gibt jedes Instrument der Musik einen eigenen, unverkennbaren Charakter mit. Ohne permanentes Üben geht natürlich gar nichts. Auch beim Flatulieren erfassen einen Vibrationen, aber es kommt an das Gefühl, das ich damals empfand, nicht heran.

Sally: Vielen Dank für das schöne Gespräch.

Max: Du hast mich gar nicht gefragt, ob ich je ans Modeln gedacht habe

Sally: . . . . oh Mann, Kater . . . hatte ich bodenständig und bescheiden gesagt?


Kommentare:

  1. Endlich ist das seit langem erwartete Interview von der Journalistenkatze Sally mit Max Schneider erschienen. Danke, liebe Sally, du konntest dem Max Geheimnisse entlocken, die selbst ich als tägliche Besucherin seiner Facebookseite noch nicht ahnte! Da tuen sich noch ganz neue Seiten auf an Max, dem Hausfrauenkater. Gönnen wir ihm von Herzen seine tägliche Wurst!

    AntwortenLöschen
  2. Liebes Mäxchen,

    herzlichen Dank für Dein tolles Interview welches Du mit Sally geführt hast. Ich musste viel darüber schmunzeln ;-)

    Liebe Grüße
    Angela

    AntwortenLöschen
  3. ist ja niedlich! (: Ich liebe Katzen *-* & shcöner Blog!

    AntwortenLöschen