Freitag, 14. August 2026

CATS! KATZEN! Das Buch

Bereits das rosa oder meinetwegen auch pinke Cover des zweisprachigen Kataloges CATS! KATZEN des Hamburger Museums am Rothenbaum
 (MARKK) weist darauf hin, dass es sich bei der Sonderausstellung um eine etwas andere als gewohnte Betrachtung des Stubentigers und seiner wilden Verwandten handelt. Nicht zufällig hat sich das ehemalige Völkerkundemuseum den Namen „Kulturen und Künste der Welt“ gegeben. Und es ist u.a. dieser Ansatz, der Ausstellung und Buch zu etwas durchaus Besonderem macht. Denn, so stellen die KuratorInnen in ihrem Vorwort fest: „Die Katze selbst bleibt immer als Katze erkennbar […] mit eigenen Bedingungen und Bedürfnissen. Doch der Mensch deutet die Katze auf vielerlei und teils widersprüchliche Weise ...“ Und es sind diese kulturellen Deutungen, mit denen sich die KuratorInnen in Buch und Ausstellung auseinandersetzen.

Niedlich, Cute

Eine dieser kulturellen Zuschreibungen ist die Niedlichkeit. Klar, Katzen sind in unseren Augen niedlich. Doch das, was wir daraus ableiten, hat am Ende nur noch wenig mit den Katzen, aber ganz viel mit gesellschaftlichen Verhältnissen, Rollen- und anderen Bildern zu tun. Im Abschnitt „Niedlich, Cute“, der nicht zufällig mit einem rosafarbenen Randstreifen gekennzeichnet ist, geht die Kunstwissenschaftlerin Elena Korowin diesem Aspekt auf den Grund. Mit „Katzen im Spiegel digitaler Medienwelten“ beschreibt sie nicht nur das vielfältige Erscheinungsbild des Katzenmotivs in Form von Icons, Memes, Videos und nicht zuletzt des Hello Kitty-Phänomens, sondern sie erläutert auch die emotionalen Hintergründe und Wirkungsweisen, die unterschiedlichen und gegensätzlichen politischen Vorstellungswelten und vieles andere mehr, das über die „Miauvatare“ (als Kofferwort von Miau und Avatar) transportiert wird. Eine spannende Geschichte, die bereits in der vor-digitalen Medienwelt ihren Anfang genommen hatte. Dabei ist die „Ästhetik der Niedlichkeit keine natürliche Konstante“, wie Elena Korowin ausführt, „sondern eine kulturelle Konstruktion, deren Geschichte eng mit modernen Gefühlsregimen, Konsumkultur und Machtverhältnissen verknüpft ist.“ Und so kann Niedlichkeit sowohl als (subversiver) Widerstand gegen traditionelle Rollen- und Geschlechterbilder als auch als ideologischer Trojaner für rechte Bewegungen und „Alt-Right“ und „Trad Wife-Influencerinnen instrumentalisiert werden.

Verehrt, Worshipped

Üblicherweise beginnen Bücher über die Kulturgeschichte der Katzen in Ägypten, dort, wo sich im nahegelegenen fruchtbaren Halbmond die Wildkatzen selbst domestiziert hatten und wo sie als Schutz- und Fruchtbarkeitsgöttin Bastet verehrt und als furchtbare Kriegsgöttin Sachmet gefürchtet waren.

Stattdessen eröffnet die Japan-Spezialistin Martyna Lesniewska dieses Kapitel mit dem Beitrag „Von Kurtisanen und Glücksbringern, kulturelle Konstruktionen der Katze im Japan der Edo-Zeit.“ Meines Erachtens eine hervorragende Entscheidung. Denn über social-media hat sich inzwischen zwar herumgesprochen, wie katzenverrückt die Japaner sind und auch in den Asia-shops hierzulande begegnen uns die sogenannten Winkekatzen auf geradezu unerbittlich glücksverheißende Weise und nicht zuletzt lauert ja auch immer noch Hello Kitty an allen Ecken und Enden. Doch die kulturellen Hintergründe, die historischen Wurzeln und die vielschichtige Geschichte insbesondere auch der Verbindung zwischen Frauen und Katzen seit Beginn des 17. Jahrhunderts dürfte vielen noch ziemlich unbekannt sein. Und so begegnen uns auch hier die Katzen als Verkörperung idealisierter weiblicher Eigenschaften in einer Welt zwischen ökonomischer Ausbeutung und künst(ler)ischer Überhöhung. Und natürlich finden sich hier auch die dem anschmiegsam-eleganten und doch so eigenwilligen Wesen zugeschriebenen mystischen und bedrohlichen Seiten in Form der Dämonenkatzen wie der Bakeneko oder der Nekomata.

Der von der Ethnologin Fumi Takayanagi um den Beitrag „Vom Badehaus zum Weltraum, Katzenkultur in Japan“ ergänzte Japanabschnitt nimmt m.E. völlig zu Recht den größten Teil des Kapitels der verehrten Katzen ein. Es folgen die Altägyptischen Katzengöttinnen und die Katzen in den Amerikas.

Nützlich, useful und stark, strong

Dass das Kapitel Nützlich mit Schiffskatzen beginnt, darf nicht verwundern, denn gerade auf längeren Seereisen waren die seefahrenden Samtpfoten unverzichtbare Nagerkontrolleure und mehr. Das gilt natürlich auch an Land, wo, wie der Lesende erfahren kann, Katzen unter anderem der Seidenraupengöttin beim Schutz der empfindlichen Kokons vor Schädlingen zur Hand ging.

Auch dieses Beispiel zeigt: Den AutorInnen gelingt es immer wieder neue, oft unerwartete und unbekannte Aspekte und Perspektiven zu liefern, mal, wie beim Japan-Abschnitt in umfangreicheren Texten, mal eher exemplarisch an Artefakten und Exponaten aus den unterschiedlichen Kulturkreisen. Das gilt auch für das Kapitel „Stark, strong“ das dem Lesenden beispielsweise mit Tiger- oder Löwenbestickten Rangabzeichen koreanischer Beamter, dem Löwenhaarkopfschmuck und Umhang äthiopischer Krieger und Offiziere, einem Leopardenhocker und anderen Dingen Insignien der Macht aus verschiedenen Kulturkreisen präsentiert, aber auch die Symbolik von Raubkatzenfellen in der Haute Couture thematisiert.

(Un)abhängig, (in)dependent

Nicht erst mit dem Beitrag der Kulturwissenschaftlerin Theresa Rodewald „Flauschig und mit scharfen Krallen, von Katzen und Suffragetten“ wird deutlich, dass Buch und Ausstellung das Thema Katze aus einer starken feministischen Perspektive präsentiert. Und gerade dieser Blickwinkel macht die Geschichte so interessant. Etwa, wenn es um die Verbindung von Katzen, Postkarten und antifeministischer Satire im 19. Jahrhundert geht und die Autorin diesen Ansatz in ihrer kätzischen Ambivalenz zwischen gut und böse bis weit in das Mittelalter und die frühe Neuzeit zurückverfolgt, um die Lesenden von dort aus mit den sogenannten Childless Cat Ladies in die heutige Zeit und die weltpolitische Dimension zurückzuholen.

Die Schriftstellerin und Kulturtheoretikerin Ana Teixeira Pinto schließt die aufregende kulturhistorische Katzenzeitreise mit ihrem Aufsatz „Katzenmensch, Das Haustier als Barometer für soziale Ängste“ und liefert noch einmal spannende und unerwartete Denkimpulse zur „Figur der Katze von ihrer alten Dämonisierung bis zu ihrer modernen politischen Instrumentalisierung". „Sie ist“, so ein Resümee der Autorin, „die Stellvertreterin für alles, was die extreme Rechte auslöschen will: nicht-transaktionale Fürsorge, soziale Solidarität und eine Welt, die nicht von roher Gewalt beherrscht wird.“

Fazit

Wer meine Ausführungen bis hierher gelesen hat, weiß: das Buch hat mich begeistert. Natürlich können die Aufsätze im Rahmen des 246- seitigen, zweisprachigen und reichhaltig illustrierten Buches zu den behandelten Themenkomplexen jeweils nur einen Überblick liefern, doch diese Aufsätze haben es trotzdem in sich. Zudem liefert die angehängte Bibliografie jede Menge vielversprechender Literatur zur Vertiefung einzelner Aspekte, darunter, wie ich erfreut feststellen durfte, mit „Forscher, Katzen und Kanonen“ sogar eines meiner Bücher zum Thema. Und nicht zuletzt macht CATS! KATZEN! Jede Menge Lust auf die Ausstellung und ganz besonders auch auf die im Begleitprogramm angebotenen KuratorInnen-Führungen.

Das Buch ist (auch online) im Museumsshopdes MARKK zu erwerben.

Herausgeberinnen: Lara Selin Ertener, Lotte Warnsholdt, Johanna Wild: CATS! KATZEN, MARKK 2025. Paperback, 246 Seiten. ISBN 978-3-944193-62-5

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